11. Kapitel

 

Er hat dich also in sein Hotel getragen, dir sein Bett überlassen und dieses Kleid gekauft?«

Lea warf einen bösen Blick auf den scheinbar leeren Stuhl neben ihr. Sie konnte nur hoffen, dass er sein Ziel traf: Liam. Der Geist konnte nicht aufhören, über Adam zu reden, seit sie ihm alles auf dem Greyfriars-Friedhof erzählt hatte. Er war ihr hierher in die Cameo Bar gefolgt, wo sie immer ihren Kaffee mit Mr. Thomson trank.

Leider war der ältliche Geist im Moment auch nicht gerade in bester Stimmung: Er nahm es ihr übel, dass sie heute Vormittag nicht gekommen war. Sie hätte ihm »wenigstens Bescheid sagen können«, hatte er sich beschwert.

Allerdings, wie man einem Geist Bescheid sagen soll, dass man verhindert ist, das überstieg Leas Begriffsvermögen. Sie konnte ihn ja schließlich nicht anrufen! Aber dieses kleine Detail schien Mr. Thomson nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen.

Sie nahm einen Schluck Kaffee und versuchte, sich auf ihr Kreuzworträtsel zu konzentrieren. Sollten sie sie doch gern haben, alle beide!

Dreizehn senkrecht: »erwartungsvoll«, acht Buchstaben.

»Ich finde es nicht richtig, dass sich Lea von irgendwelchen Männern herumtragen lässt«, bemerkte Mr. Thomson missbilligend.

»Ich auch nicht!«, stimmte ihm Liam zu. »Dieser Kerl gefällt mir nicht.«

»Würdest du bitte aufhören?«, zischte Lea. Als daraufhin ein Mädchen am Nachbartisch erschrocken aufblickte, zog Lea kleinlaut den Kopf ein. »Ich versuche mich auf mein Kreuzworträtsel zu konzentrieren!«

»Dreizehn senkrecht ist ›gespannt‹, meine Liebe. Und der junge Liam hat recht, wir wissen nichts über diesen Adam.«

Warum konnten sie nicht aufhören, über Adam zu reden? Aber immerhin hatte Mr. Thomson wieder »meine Liebe« zu ihr gesagt, was wohl bedeutete, dass er seinen Groll heruntergeschluckt hatte. Sie schrieb das betreffende Wort ins Kreuzworträtsel.

Achtzehn senkrecht: Wo wurde das Croissant erfunden?

Sie lächelte. Das wusste sie, es war neulich in einer Quizsendung gekommen; sicher hatte derjenige, der das Kreuzworträtsel geschrieben hatte, sie auch gesehen.

»Das Croissant ist in Wien erfunden worden, meine Liebe.«

»Das hätte ich auch gewusst!«, sagte Lea vorwurfsvoll.

Dann schob sie seufzend das Kreuzworträtsel beiseite und suchte Zuflucht bei ihrem Kaffee.

»Und Sie haben recht, Mr. Thomson, wir wissen nichts über diesen Adam. Aber das spielt keine Rolle, denn ich werde ihn sowieso nicht wiedersehen.«

»Ach nein?«, riefen Liam und Mr. Thomson verblüfft aus.

Warum waren sie so überrascht? Natürlich würde sie den viel zu attraktiven und viel zu gefährlichen Adam nicht wiedersehen. Er war eine Komplikation - mit einem extra großen K und so was konnte sie in ihrem ohnehin komplizierten Leben nicht gebrauchen. Sie war nicht bereit für die Gefühle, die er in ihr weckte, sie fürchtete sich davor.

Lea wusste selbst nicht, was mit ihr los war - er verwirrte sie vollkommen. Nur einmal mit ihm schlafen, das hatte sie gewollt. Und hatte es ihm auch unmissverständlich klargemacht. Doch nur wenige Augenblicke später wünschte sie sich, ihn besser kennen zu lernen, noch ein wenig zu bleiben.

Zuzulassen, dass er sie besser kennen lernte.

Alles war so schnell gegangen, er hatte sie auf den Tisch gehoben, und dann hatte sich ihr Gehirn ausgeschaltet - bis ihr Blick plötzlich auf das Frühstücksmesser fiel, das Messer, das mit der roten Marmelade beschmiert war. Sie war schlagartig zur Besinnung gekommen und hatte ihn von sich gestoßen.

Rückblickend war sie beinahe froh darüber. Das mit Adam war einfach zu viel für sie - zu groß, zu bedrohlich.

Bei ihm fühlte sie sich entblößt, verletzlich.

Ja, sie war froh, aber nur beinahe. Es ärgerte sie, dass etwas, das schon so lange zurücklag, immer noch so viel Macht über sie besaß. Der Anblick dieses Messers hatte ihr eine Heidenangst eingejagt. Lochrin Place und alles, was dort passiert war, war mit einem Schlag wieder lebendig geworden. Sie hasste das, sie wollte nicht, dass die Vergangenheit sie immer wieder einzuholen drohte. Deshalb kam sie jeden Morgen in diese Frühstücksbar, um mit Mr. Thomson einen Kaffee zu trinken. Deshalb war sie in diese kleine Wohnung gezogen, nur wenige Meter von der Straße entfernt, in der ein Mann sie überfallen und halb tot zurückgelassen hatte. Verdammt noch mal, sie wollte, dass es endlich vorbei war!

Zornig sprang sie auf. Ihre Untertasse klapperte, als sie ihren Stuhl zurückschob. Fluchtartig verließ sie die Bar durch den Seiteneingang. Lochrin Place lag verlassen da, wie meist. Das kleine französische Cafe gegenüber hatte heute früher geschlossen. In dem Perlengeschäft neben der Bar schlenderten noch ein paar Kunden umher, aber auf der Straße war niemand zu sehen.

»Lea?«

Lea ignorierte Liams besorgte Frage. Sie wickelte ihre Arme um ihren Oberkörper und ging die Straße entlang auf die kleine Autovermietung zu, die an deren Ende lag.

Sechzehn, achtzehn, zwanzig ... sie blieb vor dem Türschild mit der Nummer zweiundzwanzig stehen. Vor sieben Jahren war dieses Schild, waren diese Wohnungen brandneu gewesen.

Vor sieben Jahren, als sie hier auf offener Straße niedergestochen worden war.

»Du wirst dir noch eine Erkältung holen, meine Liebe«, sagte Mr. Thomson besorgt. Ihm gefiel dieser Ort ebenso wenig wie ihr, das wusste sie. Der Geist war an jenem Tag auch hier gewesen, er hatte sie in ihrem Blute liegend gefunden und war ihr ins Krankenhaus gefolgt, wo man sie mit Blaulicht und Sirene hingebracht hatte.

Seine Stimme war das Erste gewesen, was sie hörte, als sie zwei Wochen später aus dem Koma erwacht war.

Der erste Geist, der zu ihr sprach.

»Liam, kannst du mir einen Gefallen tun?«, fragte sie nach längerem Schweigen.

»Natürlich, Lea, alles, was du willst.«

Sie musste lächeln. »Ich glaube, ich gehe jetzt nach Hause und lege mich ein bisschen hin. Könntest du für mich in die Galerie gehen und nachsehen, ob dort jemand auf mich wartet?«

Es kam nicht oft vor, dass sie einmal nicht in die Galerie ging, aber heute fühlte sie sich dem einfach nicht gewachsen. Heute wollte sie sich nur noch hinlegen und schlafen.

Sie wollte ihre Angst von damals vergessen, das Gewicht des Mannes, das Messer, das jeden Moment auf sie niederfahren würde ... wieder und wieder.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, legte sie schützend die Hände auf ihren Bauch.

»Selbstverständlich, Lea, das mache ich doch gerne«, versicherte ihr Liam.

»Ja, du solltest dich wirklich ein wenig hinlegen, meine Liebe«, sagte auch Mr. Thomson begütigend.

Sie nickte, dann wandte sie sich ab und verließ den Ort, an dem die alte Lea gestorben war. Ihre Kopfschmerzen waren in der letzten halben Stunde immer schlimmer geworden, sie musste sich wirklich ein wenig hinlegen. Sie bog um die Ecke in die Home Street, überquerte die mit Kopfsteinen gepflasterte Straße und ging auf dem gegenüberliegenden Gehsteig weiter, vorbei an dem Sushi-Restaurant und dem Blockbusters-Videoverleih und erreichte schließlich die blaue Eingangstüre des schmalen Hauses, in dem sich ihre winzige Apartmentwohnung befand. Sie kramte in dem Abendtäschchen, das sie immer noch bei sich hatte, holte den Hausschlüssel hervor, schloss auf und begann die steile, dunkle Treppe hinaufzusteigen.

Sechzig Stufen bis zu ihrer Wohnung im dritten Stock, sie hatte sie oft gezählt in den sechs Jahren, seit sie hier wohnte. Lea war beinahe im zweiten Stock angelangt, als sie etwas hörte. Sie blieb stehen und schaute sich um.

Nichts zu sehen.

»Liam?«

Stirnrunzelnd ging Lea weiter. Sie musste noch müder sein, als sie gedacht hatte. Erst als sie beinahe oben angekommen war, hörte sie es wieder: eine Art Flüstern.

»Wer ist da?«

»Bist du Lea?«, fragte eine zögernde Stimme. Lea erkannte die Frauenstimme nicht, aber sie erkannte die Angst darin. Jeder Gedanke an Kopfschmerzen und an ein Schläfchen war sofort verflogen.

»Ja.«

Ein Seufzer, dann Stille.

»Möchtest du mit raufkommen und reden?«, fragte Lea behutsam. Gewöhnlich lud sie keine Geister in ihre Wohnung ein, aber sie hatte das Gefühl, dass dieser hier besonders verwirrt und hilfsbedürftig war.

»Bin ich wirklich tot?«

Das war die Frage, vor der sie sich am meisten fürchtete, eine Frage, die man ihr erst zweimal gestellt hatte. Dieser Geist, diese Seele, konnte noch nicht lange tot sein. Wahrscheinlich war sie gerade erst gestorben.

»Komm«, sagte Lea ermunternd, »komm mit rein, da können wir uns in Ruhe hinsetzen und unterhalten.«

»Nein!«, rief die andere panisch aus. »Ich bin wirklich tot, oder?«

»Ja.« Lea nickte. »Es tut mir leid.«

»Passiert das jedem, wenn er stirbt? Müssen alle ... hierbleiben?«

»Nein, nur die, die hier noch etwas zu erledigen haben.«

»Was heißt das?«

»Das werden wir schon rausfinden. Hör zu, wie heißt du?«, fragte Lea.

»Mary.«

Das enge, finstere Treppenhaus war kein Ort für solche Gespräche. Lea wusste, dass sie äußerlich ganz ruhig und gelassen bleiben musste, damit diese arme, verwirrte Seele nicht noch mehr Angst bekam.

»Mary, ich weiß, du hast einen ziemlichen Schock erlitten, aber ich muss mich jetzt erst mal hinsetzen. Dann können wir in Ruhe reden.«

Ohne auf eine Antwort zu warten, ging Lea weiter die Treppe hinauf. Sie schloss ihre Türe auf, schüttelte ihre hochhackigen Schuhe ab und hängte ihre Tasche an einen der Garderobenhaken in der winzigen Eingangsdiele mit der rot-weiß-gestreiften Tapete.

Dann ging sie ins Wohnzimmer, in dem nur ein hässliches rotes Zweisitzer-Sofa, ein nicht viel schönerer brauner Sessel und ein kleiner Sofatisch Platz hatten. Vervollständigt wurde dieses Ensemble durch einen ebenso hässlichen, quadratischen Wohnzimmerteppich. Lea ließ sich dankbar auf das Sofa plumpsen und zog die Beine an.

Sie holte tief Luft. »Bist du da, Mary?«

»Ja, ich bin da.«

Mary klang überrascht, aber gefasst. Lea hatte mit Angst und Unglauben gerechnet. Sie überlegte sich genau, was sie als Nächstes sagen sollte, aber Mary kam ihr zuvor.

»Dies ist nur eine Zwischenstation, das fühle ich. Dahinter wartet das Jenseits.«

Lea hatte schon oft vom Jenseits gehört. Soweit sie »ihre« Geister verstanden hatte, war das ein warmer, friedvoller, guter Ort. Sie selbst konnte sich darunter nichts vorstellen. Alles, was sie wusste, war, dass manche Seelen dorthin strebten und andere davor zurückschreckten.

»Willst du dorthin, Mary?«

»Ja«, sagte die Stimme voller Überzeugung. »Kannst du mir helfen?«

Lea zog den warmen Wollstoff ihres Kleides über die kalten Beine. Sie hätte gerne die Heizung angeschaltet, aber im Moment brauchte Mary ihre volle Aufmerksamkeit. Sie wollte ihr zu verstehen geben, dass jemand für sie da war.

»Ich werde mein Bestes tun, aber du wirst mir helfen müssen. Ich habe das schon ein paar Mal gemacht, Mary, und du musst mir glauben, wenn ich dir sage, dass du weißt, was dich hier noch zurückhält.«

»Wirklich? Wie kann das sein?«

»Jede Seele weiß es. Du musst nur überlegen. Also, Mary, denk gut nach. Denk an dein Leben. Was hat zu deinem Tod geführt? Gibt es etwas, das du noch erledigen musst?

Denk nach, und du wirst es fühlen, wenn du auf das Richtige gekommen bist.«

Stille. Lea versuchte sich vorzustellen, wo Mary war. Ob sie auf und ab ging? Oder saß sie im Sessel? Wie sah sie aus? Lea versuchte gewöhnlich, Distanz zu halten zu jenen Seelen, die ins Jenseits wollten, sich nicht mit ihnen anzufreunden. Dann würde sie sie auch nicht vermissen, wenn sie weitergegangen waren. Daher stellte sie auch so wenig Fragen wie möglich.

Die weiße Plastikuhr an der Wand der früheren Küche - die sie nun in eine Dunkelkammer umfunktioniert hatte - tickte monoton. Tick-tack, tick-tack ...

»Jetzt weiß ich es!«, stieß Mary plötzlich hervor. Ihre Stimme kam von dem kleinen Fenster, an dem ein schlaffer, lilafarbener Vorhang hing.

Lea hielt den Atem an. Sie hoffte nur, dass nicht wieder eine Tanznummer erforderlich war. '

»Du musst mir helfen, meine Leiche zu finden.«

Unsterblich 04 - Unsterblich wie der Morgen
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